Generation Praktikum: Selbst schuld?

Nachdem, was ich hier im Job so mitbekomme, muss diese Frage erlaubt sein. Überall hört und liest man, wie schlecht Berufseinsteiger behandelt werden, dass sie sich von Praktikum zu Praktikum hangeln (müssen), oft nicht bezahlt werden und trotzdem eigenverantwortlich echte Projekte wuppen. Bei den Bewerbungen, die ich hier auf den Tisch bekomme, muss ich das allerdings ganz anders interpretieren.

Ausgeschrieben haben wir eine Praktikumsstelle für die Online-Redaktion und bieten darüber die Möglichkeit mit der Pflege von Websites auseinanderzusetzen, die Arbeit mit einem komplexen CMS kennezulernen und ggf. auch eigene Texte zu verfassen etc. blabla … Das Ganze ist eher studienbegleitend gedacht und wird mit 400 Euro im Monat honoriert.

Vorgelegt bekomme ich überwiegend Bewerbungen von – teilweise hochqualifizierten – Leuten, die ihr Studium abgeschlossen haben. Das Online-Praktikum erfordert eigentlich keine große Kenntnis über die fachliche Materie unseres Unternehmens, aber viele der Bewerber stellen ihre Fachkenntnisse sogar stark in den Vordergrund, manche haben sogar einen entsprechenden Studienschwerpunkt vorzuweisen!

Warum bewerben sie sich nicht auf einen der diversen „echten“ Jobs, die wir ebenfalls ausgeschrieben haben?

Auf der anderen Seite suchen wir sogar in den Fachabteilungen teilweise Mitarbeiter mit Kommunikations- oder geisteswissenschaftlichem Hintergrund. Tiefe Fachkenntnisse sind gar nicht immer erforderlich, wenn auch ein gewisses Grundverständnis der Materie nicht schadet.

Bleibt als Fazit: Ich bekomme nur überqualifizierte Bewerber, denen ich im Rahmen dieses Praktikums nicht genug bieten könnte. Die Absolventen nehmen die angebotenen Jobchancen gar nicht wahr und beginnen direkt nach dem Studium (lieber?) erst einmal Praktika zu sammeln: Spätestens wenn ich als potenzieller Arbeitgeber in der Vita sich mehrere aneinanderreihende Praktika sehe, beginne ich doch stark zu überlegen … Verständnis habe ich allenfalls bei Bewerbern, die aus irgendeinem Grund eine Weile aus dem Berufsleben raus waren und so wieder einen Fuß in die Tür bekommen möchten.

Aber wo liegen die Gründe für dieses Verhalten:

  • Angst vor der eigenen Courage?
  • Angst vor einer Absage?
  • Angst vor einer Zusage?
  • Keine Traute sich für einen Job zu bewerben, auf den man nur zu 80% passt?

7 Kommentar zu “Generation Praktikum: Selbst schuld?

  1. Wenn das mal so einfach wäre, ohne Berufserfahung keinen Job, das müssten eigentlich viele Chefs wissen….Ich habe grade mein Studium abgeschlossen und es blieb mir nichts anderes über als ein Praktiukum zu machen. Festestelle fehlanzeige! Zu wenig Berufserfahrung, keine praktischen Kenntnisse. Ich würde auch ,ieber gleich eine feste Stelle annhemen und bekommen, so wie viele andere auch! Es geht nur leider iwie nicht…:(

  2. Hallo,
    klar bin doch überall…
    Ja denke das kommt mir auch zugute das ich sehr sicher auftrete und mich an Schwierige Dinge gerne wage. So nun muss ich auch zur Arbeit. PS: Die meisten studieren bei uns BWL weil Ihnen meist nichts anderes einfällt ;-)

  3. Moin junger Hüpfer,

    Der Hinweis mit dem Gehalt ist ganz interessant. In vielen Branchen und Berufsfeldern kann man sicher nicht mehr mit extrem hohen Einstiegsgehältern rechnen, aber deutlich über Harz IV ist es allemal ;-). In den Ingenieurwissenschaften sind die Gehälter sicher noch ziemlich gut, kritischer ist es bei Kommunikations- und Geisteswissenschaften. Da mögen Anspruch und Wirklichkeit bei einigen vielleicht auseinanderklaffen.

    Aber auch die Selbsvermarktung/das Selbstbewusstsein spielt sicher eine wichtige Rolle. Wenn ich es recht überlege: Die Absolventen, die sich hier auf ein Praktikum bewerben, wirken oft eher unsicher (und trauen sich vielleicht erst recht nicht in ein „richtiges“ Bewerbungsgespräch). Zwei der Praktikumsbewerber, die in der Bewerbung deutlich souveräner aufgetreten sind, wurden nach dem Praktikum übernommen: Die waren dann aber auch deutlich besser in ihrer Arbeit, als die unsicheren Kandidaten.

    Viele Grüße und für dich weiterhin alles Gute!
    Rainer

    PS: Ach, jetzt sehe ich erst, welche Nadja! Willkommen auch auf QuerBeet ;-)

  4. Hallo,
    so jetzt gibt mal so ein junger Hüpfer wie ich meinen Senf dazu (22 jahre). Ich habe da andere Erfahrungen naja studiert habe ich nicht ich mache gerade erst meine Ausbildung um diese aber zu bekommen habe ich viel Zeit und Arbeit investiert. Leider war ich in der Schule gerade die letzten 2 Jahre mit 15/16/17 eine „faule Sau“ leider hören Teenis da nur was Sie hören wollen. Heute stinkt es mir das ich erst so einen harten Weg gehen musste. Jedoch bin ich nun mit meiner Ausbildung im 2 Lehrjahr zur Groß- und Aussenhandelskauffrau recht zufrieden. Diese habe ich aber lt. Aussage vom Chef nur bekommen weil ich durch meine Person überzeugt war, heute sagt er mir oft hätten andere Firmen nicht nur auf die Noten geschaut hätte ich 2005 schon einen Ausbildungsplatz gehabt. Ich habe nun die Erfahrung zu den studierenden aus meinem Freundes und Verwandtenkreis das diese nicht wirklich schlauer sind sondern nur nicht so faul was das Lernen angeht. Ich habe momentan auch gute Noten aber arbeiten finde ich doch um einiges besser. Leider nehmen die studierenden aus unserer Umgebung immer an Sie erhalten sofort nach dem Studium einen hohen Posten und viel Geld und wenn das nicht so ist wissen Sie nicht was Sie machen sollen und hängeln sich von Praktikum zu Auslandsaufenthalt usw…..

  5. Das ist ja das Perfide: Da wird ein Angebot aufgebaut, zu dem sich anschließend eine Nachfrage entwickelt. Verkehrte Welt. Wäre das Praktikum ein Produkt, ist das natürlich der Traum jedes Marketingmenschen. ;-)

    Am Ende schaufelt sich da eine Generation ihr eigenes Grab oder buddelt zumindest ordentlich mit.

    Viele Grüße
    Rainer

  6. Hallo, Rainer,

    meiner Meinung ist die Generation Praktikum ein Phänomen aus Angebot und Nachfrage. Ein Teil der Abgänger will sich tatsächlich nicht ins Arbeitsleben begeben, weil dann der „Ernst des Lebens“ kommt (als ob man nicht auch mit Kollegen Spaß haben kann). Das schafft Nachfrage. Und einige der Arbeitgeber haben wirtschaftlichen Druck oder sind einfach geldgierig. Das schafft Angebot. Am Ende ist es eine Mischung aus Geldgier, Not und Unlust. Problem ist nur, dass sich da ein „Arbeitsdrittmarkt“ herausbildet, in den auch gute Leute hinein- oder herabgezogen werden.

    Grüße aus dem Süden!

  7. der spiegel hat dazu vor paar wochen ein special rausgebracht und auch in der neon war vor kurzem ein artikel darüber. nur heißt es da immer, die generation praktikum hängt zwischen der studien- und der arbeitswelt fest. die eine will sie nicht mehr und die andere noch nicht so richtig.

    vielleicht ist die dena da ja eine ausnahme ;)

    liebe grüße

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